Der Krach im Walde
„Ein Baum der fällt, macht mehr Krach als ein Wald, der wächst“, hat mal jemand zu mir gesagt.
Aber ein Baum, der wächst, macht auch ganz schön Krach. Zumindest, soweit ich das beurteilen kann. Mittlerweile bin ich schon seit einigen Wochen hier in Panama, habe unsere Fincas kennen gelernt und dabei festgestellt, dass das sprichwörtliche „Schweigen im Walde“ wohl eine etwas vorschnelle Beurteilung eines ahnungslosen Spaziergängers gewesen sein muss.
Hier in Panama gibt es 32 verschiedene Fincas, die ForestFinance in den letzten 14 Jahren aufgeforstet und damit jede Menge Platz für verschiedene Schreihälse und stimmgewaltige Untermieter geschaffen hat. Sobald ich einen Fuß in diese riesige Wohngemeinschaft Wald setze, ist es vorbei mit der Ruhe. Unzählige Vögel rufen durcheinander, der Wind fährt durch die Blätter und Insekten surren mir um die Ohren. Auf manchen Pflanzungen höre ich sogar Affen brüllen.

Die Abholzung der Regenwälder hat dazu geführt, dass der Lebensraum der meisten Tierarten in Panama völlig zerstückelt ist. Deswegen ist es umso wichtiger, durch Aufforstung neue Lebensräume zu schaffen. Beispielsweise für das Ozelot. Die nachtaktive Kleinkatze, die durch den Pelzhandel und die systematische Zerstörung ihres Lebensraums beinahe ausgerottet war, wurde bereits mehrfach auf den älteren Fincas in Las Lajas und Umgebung gesichtet. Hier verbringt sie den Großteil des Tages in Baumhöhle, um sich nachts auf die Jagd nach Mäusen, Fröschen, Schildkröten, Schlangen und Vögeln zu machen.
Im Gegensatz zu diesem leisen Jäger sind die lautesten Bewohner der Forste wahrscheinlich die Mantelbrüllaffen, deren Balzrufe über Kilometer hinweg zu hören sind. Die Pflanzenfresser ernähren sich hauptsächlich von Früchten und Blättern und leben in Gruppen von bis zu 30 Tieren, die besonders morgens die restlichen Bewohner der Gegend mit viel Elan von ihrer Anwesenheit wissen lassen. Für den Namen „Los Monos“ hat man sich im ForestFinance Team nicht umsonst entschieden.
Sowohl das Ozelot als auch die Brüllaffen stehen auf der roten Liste der gefährdeten Arten. Der ebenfalls in den ForestFinance Fincas vorkommende Schopfkarakara, der zu den Geierfalken zählt, ist nach dem Aussterben des Guadalupe Karakaras die letzte verbleibende Art der Gattung Polyborus. Seine charakteristischen Schreie vermischen sich mit den unzähligen anderen Lauten, die aus jedem Winkel des Waldes zu kommen scheinen. Setzt der Regen ein – und das ist hier recht häufig der Fall - kommt zu dem überraschend lauten Tropenkonzert das Prasseln der Tropfen auf die Blätter hinzu und nach einiger Zeit das Quaken der Frösche und Kröten in den schnell entstehenden Pfützen bzw. Miniaturseen.
Wie kommt man also auf die Idee, dass es in dem übervollen Lebensraum Wald still sein könnte? Vielleicht, weil uns diese Art von Lärm mittlerweile vorkommt wie eine himmlische Stille, weil wir die Geräusche der Natur so selten wahrnehmen. Bevor ich aus Deutschland herkam, um für ein halbes Jahr in den ForestFinance forsten zu arbeiten, hatte auch ich ein „Bild der Ruhe“ im Kopf, wenn ich an das kleine Land Panama und seine Wälder gedacht habe. Doch was ich in den Forsten tatsächlich gefunden habe, ist besser als jede tote Stille: lebendiges Rauschen, Surren, Brummen, Brüllen, Klappern und Plätschern.

von Andreas Schnall.